Einen fahren lassen

Auftrag vom Chef, einen neuen Kollegen anlernen. Ich sitze in meinem LKW, es ist 06:32 Uhr und ich warte auf den neuen Kollegen. Mit Penny-Jute-Beutel in der Hand und einer Kippe im Mund, steigt er pünktlich 32 Minuten nach vereinbartem Termin auf der Beifahrerseite meines LKW ein:

“Morgen, ich soll bei Dir mitfahren.”

Die Begrüßung ist natürlich schon mal Bombe.

Ich:

“Ok, dann erst mal Kippe aus, bin nämlich Nichtraucher und ich heiße Torsten. Wie war Dein Name noch mal?”

Über so viel Deutlichkeit etwas erschrocken folgte dann auch sein Name. Nun zog er die Schuhe aus und versuchte demzufolge seine Füße ganz entspannt auf das Armaturenbrett zu legen. Auf meine Frage, was das soll, erntete ich einen Blick, den man mit *Was hab ich denn falsch gemacht?* beschreiben könnte. Ich bin echt erstaunt darüber, wie ein Mensch in nicht mal ganz einer Minute seine Sympathievorschusslorbeeren einmal komplett zu verbrennen vermag.

Ok, also dann, auf geht’s zum ersten Kunden. Während der Fahrt erfahre ich, dass mein neuer Kollege den Führerschein über das Arbeitsamt gemacht hat und *mit dem Lkw rumfahren* ganz toll findet. Beim ersten Kunden raunst er als erstes gleich mal den Verlader an:

“Ey, dann stell ma mit deiner Staplergurke die Paletten ordentlich druff da!”

Ich:

“Hallo, was geht hier ab? Was machst Du da? Du kannst doch bei einem Kunden nicht so auftreten! Der Fahrer ist das Aushängeschild der Firma! Was glaubst Du denn, was das für ein Bild ergibt?”

Und da war er wieder, dieser Blick:

„Hä, was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?“

Nun geht es weiter zum nächsten Kunden. Was mich die ganze Zeit über wundert, ist die Tatsache, dass mir der neue Kollege nicht eine einzige Frage über meine tägliche Arbeit stellt. Nichts, nicht mal so was wie, wieviele Kunden hast Du am Tag oder welche Papiere musst Du ausfüllen und wo abgeben. Nein, der Kollege sitzt lieber leicht nach vorn gebeugt auf dem Beifahrersitz (so dass ich nichts im rechten Außenspiegel sehen kann) und schaut sich genüsslich die Landschaft an.

Beim nächsten Kunden muss ich mit meinem LKW ganz schön rangieren. Der Betriebshof ist hier nämlich sehr eng und klein. Sein Kommentar dazu:

“Alter Schwede, da musste aber ganz schön kurbeln. Ist das öfter so?”

Ich stelle fest, hossa die erste Frage!

Ich:

“Ja, beinahe täglich, gehört halt einfach dazu bei einem so großen Auto.”

Und wieder dieser Blick:

„Boah, echt? Muss ich das dann etwa auch machen?“

Ich erspare mir hierauf jeglichen Kommentar.

Da mir mein Chef auch aufgetragen hatte den Kollegen mal fahren zu lassen, eröffnete ich Ihm beim nächsten Kunden die freudige Botschaft:

“So Kollege, jetzt bist Du dran. Aber denk dran, da hinten ist ein Zaun, fahre da bitte nicht gegen. Ansonsten viel Erfolg.”

Der neue Kollege nimmt Platz und fängt an, rückwärts zu rangieren.

Er:

“Äh, wie rum muss ich denn jetzt lenken?”

Ich:

“Na alter Schwede, da musste aber ganz schön kurbeln, ne?”

Und es passiert was passieren muss. Es kracht. Ja genau, der Zaun. Und da ist er wieder, dieser für mich langsam unerträgliche Blick:

„Ach du Kacke, der Zaun, den hab ich ja gar nicht gesehen.“

Langsam nervt mich dieser Blick. Ich übernehme wieder das Lenkrad und nach Unfallbericht und kurzer Diskussion mit dem Kunden, fahre ich wieder zum Hof. Hier angekommen stelle ich meinem potenziellen neuen Kollegen abschließend noch eine Frage:

“Und wie fandest Du den Tag heute so? Willst Du wirklich bei uns anfangen?”

Er:

“Naja, ich dachte, dass man den ganzen Tag nur so rum fährt. Ich glaube, ich überleg mir das noch mal.”

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