Frühstück

An das Gute glaubend und voller Tatendrang melde ich mich pünktlich um 8 Uhr 52 zur Frühstücksbestellung an der Bistrokasse einer kleinen Tankstelle.

Ich sehe wie ein Angestellter mit dem Rücken zu mir links stehend mit einer Hingabe wie sie ein indischer Schauspieler in einer hochkarätigen Bollywood Block Buster Liebesgeschichte eindrucksvoll und leidenschaftlich hätte nicht besser zum Ausdruck bringen können, versucht eine Mikrowelle auf Hochglanz zu polieren. In der Hoffnung, dass ich mit meiner rot leuchtenden Warnweste um mich herum dennoch im Augenwinkel des Mikrowellenhochglanzpolierers wahrgenommen werde, warte ich wortlos ab bis dieser das ankommende optische Signal als Aufforderung zum Gang zur Kasse und im Endeffekt zu mir und meiner Bestellung versteht.

Aber nichts. Er bemerkt mich einfach nicht. Nicht einmal dann, als ich den Zündschlüssel meines LKW’s einmal leicht um die Finger meiner rechten Hand rotieren lasse. Der Angestellte ist so mit dieser Mikrowelle beschäftigt, dass ich mir ernsthaft überlege den guten Mann mit einem freundlichen, aber bestimmten Hallo in das reale ‚Hier und Jetzt‘ zurück zu holen. Aus einer charakterlichen Zurückhaltung heraus verzichte ich aber auf diese, von den Probanden fälschlicherweise oft als persönlichen Angriff gewertete Notfallmaßnahme. Dennoch, meine Geduld ist zwar groß, aber nicht unendlich.

Nun ist die Zeit des Wartens allerdings vorbei. Es will endlich heraus dieses Hallo. Es will unmissverständlich klar machen, dass meine Person nicht hier ist um der Huldigung us-amerikanischer Ingenieurskunst beizuwohnen, sondern um zu frühstücken.

Aber kurz bevor dieses Hallo aus mir heraus bricht, sehe ich plötzlich ein hinter der Buffetauslage, mich mit großen Augen anschauendes, leicht unsicher wirkendes weibliches Gesicht.

„Ups, wo kommen sie denn auf einmal her?“, denke ich mir so im Stillen.

Da die Frau kaum größer ist als eine Parkuhr (das ist nicht wertend gemeint!), ist sie beim Einräumen der Buffetauslage vorher von mir auch dementsprechend nicht wahrgenommen worden. Zudem mich der immer noch mit voller Inbrunst polierende Angestellte linksseitig des Bistrokassenbereiches bis eben auch ziemlich erfolgreich abgelenkt hat. Aber nicht schlimm. Jetzt bekomme ich ja die Aufmerksamkeit, welche ich mir als frühstücken wollender Kunde hier so sehr wünsche.

Ich:

Hallo, ich hätte gern einen Kaffee und ein Lachsbaguette zum hier Essen, …als Menü bitte.

Die Frau:

Einen Kaffee und… ?

Ich:

…ein Lachsbaguette und als Menü bitte.

Mit Menü ist hier ein geringerer Gesamtpreis für Kaffee und Lachsbaguette gemeint. Alle Produkte einzeln bestellt, hätten subsummiert einen dementsprechend höheren Preis. Ich wäre ja schon blöd, wenn ich diese Preisoffensive des Tankstellen Bistros nicht annehmen würde.

Die Frau:

Ach genau, Lachsbaguette. Wollen Sie einen Kaffee dazu?

Ich:

Noch einen?

Die Frau:

Hä? Wieso noch einen? Wenn Sie Ihr Lachsbaguette im Menü bestellen, bekommen Sie einen Kaffee günstiger dazu.

Mein Gott, was für eine Beratung. Ich bin überwältigt von so viel Aufmerksamkeit und dankbar bin ich darüber selbstverständlich auch.

Ich:

Ja vielen Dank, ich weiß, das hatte ich ja eben auch so bestellt. Einen Kaffee und ein Lachsbaguette…

Die Frau:

… im Menü

unterbricht sie mich freundlich aber direkt in meiner Ausführung.

Ich:

Genau.

Die Frau:

Zum Mitnehmen?

Ich:

Nein, zum hier Essen bitte.

Die Frau:

Filter oder Maschine?

Halleluja, ich will doch nur frühstücken und hier kein Quiz gewinnen. Die Zeit läuft mir auch langsam davon. Von daher ist es mir auch vollkommen wurscht, ob der Kaffee seinen Weg nun durch einen Filter oder über eine Maschine zu mir findet. Hauptsache es geht endlich los.

Und nun passiert etwas völlig Unerwartetes. Der Mikrowellenhochglanzpolierer ist aus seiner Polierungstrance erwacht. Er schaut die Frau und meine Wenigkeit an, als wären wir Zeitreisende. Um den Kollegen vor eventuellen Spätfolgen in der Aufwachphase seiner Polierungstrance zu bewahren, erwidere ich zwar seinen Blick, bleibe aber wortlos. Noch.

Der Mikrowellenpolierer:

Oh hallo, habe Sie garnicht bemerkt.

Ich:

Ach, nicht schlimm, dafür glänzt ihre Mikrowelle ja jetzt wie die Chromstange eines alten Ford Mustangs. So eine Hingabe kenne ich nur aus Gebeten tibetanischer Tempelmönche.

Dieser Blick des Mikrowellenhochglanzpolierers beeindruckt mich jetzt noch mehr als die Hochglanzpolierung selbst. Ich möchte dem guten Mann aber auch nicht zu nahe treten. Deswegen widme ich mich jetzt wieder der Frau zu.

Ich:

Maschine bitte.

Die Frau:

Ok. Vielleicht ein Baguette dazu?

Eigentlich würde ich am liebsten schon längst frühstücken, aber die Zeit dafür habe ich jetzt leider nicht mehr. Deswegen muss ich nochmal neu bestellen. Nämlich alles zum Mitnehmen. … und mir graut es davor.

Ein Gedanke zu “Frühstück

  1. Hallo Herr Böhme,

    wieder mal prima, guten Appetit, falls es schon soweit ist 😀.

    Liebe Grüße, Wolfgang Schneider-Rathert

    Dr. med. Wolfgang Schneider-Rathert Facharzt für Allgemeinmedizin

    Hausärztliche Gemeinschaftspraxis Querum Akademische Lehrpraxis der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universitätsmedizin Göttingen Berliner Gesundheitspreis 2004-eine der 12 innovativsten Hausarztpraxen Deutschlands Bevenroder Strasse 30 A 38108 Braunschweig Tel: 0531/377033 Fax: 0531/378597 mailto: dr.schneider-rathert@gemeinschaftspraxis-querum.de Web: http://www.gemeinschaftspraxis-querum.de Mitglied bei http://www.mezis.de – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte http://www.abrechnungscoach.de

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