Vorsorgen oder eiskalt entscheiden

Wie viele von denen am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmenden Personen gern Eis mögen, das vermag ich nicht zu beurteilen. Denn Geschmäcker sind ja bekanntlich sehr verschieden. Der Eine mag Eis mit Erdbeergeschmack, der Andere mag dagegen eher Eis mit dem Geschmack von Cola, Knoblauch-Nuss oder ich weiß nicht was. Welches Eis meiner Meinung nach aber so gut wie niemand mag, das ist das was einem im Winter auf der Autobahn vom Dach eines voraus fahrenden Lkw´s entgegen geflogen kommt.

Man stelle sich das nur mal vor. Im Winter bei leichten Minustemperaturen fährt man früh morgens gemütlich die Autobahn entlang und plötzlich, wie aus dem Nichts, kommt ein Lkw von rechts auf die Autobahn gefahren und lässt vor einem eine Eisplatte nach der Anderen auf die Fahrbahn herabfallen. Großes Glück hat man, wenn diese Eisstücke nur auf der Fahrbahn landen, aber was ist wenn man selbst bzw. sein Fahrzeug von so einer oder mehrerer Eisplatten getroffen wird? Das Mindeste was passieren kann ist, dass man dumm aus der Windschutzscheibe guckt. Aber nicht auszudenken was passiert, wenn aus dem Mindestens ein Maximum wird.

Um das an dieser Stelle kurz zu verdeutlichen. Auf Lkw Planen können sich mehr als hundert Liter Wasser ansammeln und über Nacht zu Eis gefrieren. Also nicht gerade wenig. So gesehen sollte man als Lkw Fahrer vor Fahrtantritt unbedingt darauf achten, dass sich kein Eis auf dem Auflieger befindet. Die Frage ist nur, wie befreit der Lkw Fahrer im Fall des Falles das Dach seines Aufliegers von Eis? Soll er sich in 4 Meter Höhe auf eisglatten Untergrund begeben mit der Gefahr, dass er sich den Hals und die Beine bricht?

Ist das Leben des Lkw Fahrers im Auftrag von Sicherheit und Wohlergehen weniger wert als das der anderen Verkehrsteilnehmer?

Ich denke nicht.

Glück hat der Lkw Fahrer, wenn er am Übernachtungsort (z.B. Autohof) ein Gerüst vorfindet, an das er mit seinem Lkw heran fahren kann. So kann er seitlich von oben mit einem Schieber oder Besen das Dach seines Aufliegers ganz gefahrlos von Eis befreien. Aber was ist wenn er irgendwo abseits in einem Industriegebiet steht und dort alles vorfindet, außer einem Gerüst zum Eis befreien?

Die Pflichten eines Lkw Fahrers.

  • Verliert ein Lkw oder auch ein Pkw während der Fahrt Eisstücke oder feste Schneereste von seiner Ladefäche oder vom Dach, begeht der Fahrer nach § 23 Abs. 1 StVO (Straßenverkehrsordnung) i. V. m. § 49 StVO – Sonstige Pflichten des Fahrzeugführers – eine Verkehrsordnungswidrigkeit.
  • Ein Fahrzeugführer darf durch sein Verhalten niemanden behindern oder gar schädigen, da auch § 1 Abs. 2 StVO zu beachten ist. Danach hat sich jeder Verkehrsteilnehmer so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert oder belästigt wird.
  • Verstöße gegen die in § 23 StVO reglementierten Sachverhalte werden ohne Eintritt eines Schadens mit 25 Euro geahndet. Wird die Verkehrssicherheit wesentlich beeinträchtigt, z. B. wenn rutschender Schnee die Sicht durch die Frontscheibe behindert, werden 50 Euro fällig und es werden drei Punkte im Flensburger Zentralregister eingetragen.
  • Laut Rechtssprechung sind Mängel, die die Verkehrssicherheit wesentlich beeinträchtigen solche, die die ernstliche Besorgnis begründen, dass sie bei der Weiterfahrt zu einer Schädigung anderer Verkehrsteilnehmer führen könnten (u. a. OLG Braunschweig in VRS 16; OLG Köln in VRS 29,367; OLG Hamm in DAR 60,76).
  • Bei einem Verkehrsunfall erhöht sich das Bußgeld bereits auf 75 Euro und ebenfalls drei Punkte im Flensburger Zentralregister. Werden Personen verletzt, werden bis zu fünf Punkte eingetragen. Diese  werden dann nicht, wie bei einigen anderen Verkehrsordnungswidrigkeiten, nach zwei Jahren, sondern erst nach fünf Jahren wieder gelöscht.
  • Werden Personen verletzt oder sogar getötet, liegen Verstöße gegen das Strafgesetzbuch vor, u. a. nach § 229 (fahrlässige Körperverletzung) oder nach § 222 (fahrlässige Tötung).
  • Entfernt sich ein Unfallbeteiligter nach einem Unfall, der durch herabgefallene Eisplatten verursacht wurde vom Unfallort, ohne zugunsten der anderen Unfallbeteiligten und der Geschädigten, u. a. die Feststellung seiner Person zu ermöglichen, so kann  weiterhin ein Verstoß gegen § 142 StGB –Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort – vorliegen.
  • Das Herabfallen der Eisplatten und das Liegenlassen auf der Fahrbahn kann zusätzlich einen Verstoß nach § 32 StVO beinhalten. Dort heißt es, dass es verboten ist, die Straße zu verschmutzen oder zu benetzen oder Gegenstände auf die Fahrbahn zu bringen oder diese dort liegen zu lassen, wenn dadurch der Verkehr gefährdet oder erschwert werden kann. Der für solche verkehrswidrigen Zustände Verantwortliche hat für die unverzügliche Beseitigung zu sorgen und muss die Gefahrenstelle bis dahin ausreichend kenntlich machen.


~ Gesetz vs. Realität ~

Das Gesetz sagt für was du als Lkw Fahrer alles zu sorgen hast und die Realität fragt sich wie das gehen soll.

Nun kommen wir mal zu dem oben im Artikel beschriebenen Lkw. Der Fahrer dieses Lkw´s stand mit seinem Nutzfahrzeug die Nacht bei frostigen Temperaturen und Nieselregen auf einem der Autobahn nahe gelegenen Autohof. Zum Bedauern des Kollegen konnte dieser Autohof trotz 10 Euro Übernachtungsgebühr, aber leider mit keinem Gerüst zum Eis entfernen dienen. Dennoch hat der Kollege in 230 Kilometer Entfernung einen dringenden Termin zur Entladung und von seinem Chef wird er auch nicht für´s Nichtstun bezahlt. Somit steht er vor einer unlösbaren Aufgabe. Er möchte gern losfahren, traut sich aber nicht. Er weiß, dass sich bei der Wetterlage letzte Nacht auf seinem Auflieger Eisplatten gebildet haben, nur bekommt er sie eben ohne Gerüst und Hilfsmittel nicht herunter. Mit seinen 58 Jahren hat er zudem Angst auf das Dach des Aufliegers zu klettern. Wobei hier auch zu überlegen ist, ob das aus Sicherheitsgründen überhaupt zulässig ist. Er ist verzweifelt. Er weiß, wenn er einfach so losfährt gefährdet er andere Verkehrsteilnehmer und riskiert durch ihn verursachte, lebensgefährliche Unfälle. Andererseits riskiert er seinen Arbeitsplatz, weil er es sich nicht leisten kann nicht zu fahren. Der dringende Termin, sein Gewissen und die mögliche Reaktion seines Chef´s belasten ihn. Gut, aber dadurch befreit sich der Auflieger auch nicht vom Eis. Der Lkw Fahrer befindet sich in einem Entscheidungsvakuum. Egal was er macht, richtig macht er auf jeden Fall nichts.

Aber was soll der Lkw Fahrer denn nun tun?

Er könnte losfahren und das Warnblinklicht einschalten. Also anderen Verkehrsteilnehmern versuchen lichttechnisch mitzuteilen, dass sie in seiner Nähe etwas vorsichtig sein sollen. In dem Zusammenhang möchte ich aber nochmal gern auf die Pflichten des Lkw Fahrers bei Schnee und Eis (siehe oben) verweisen.

Also bleibt eine wichtige Frage zu klären.

Hätte der Lkw Fahrer eventuell etwas vor der Nacht mit Nieselregen und niedrigen Temperaturen tun können?

Ja und zwar nach Möglichkeit vorsorgen. Soll heißen, dass er dafür sorgt, dass sich über Nacht kein Eis auf dem Dach seines Aufliegers bilden kann.

Aber wie?

Das kommt zum Einen darauf an, ob der Lkw beladen ist oder nicht. Ist der Lkw nicht beladen, so kann er zum Beispiel im Inneren des Aufliegers die seitlichen Spannbretter herausnehmen und von innen gegen den mittleren Teil des Daches stellen. So, dass sich praktisch eine Erhöhung in der Mitte im Dach des Aufliegers bildet. Alles was sich an Wasser über Nacht zu Eis hätte verwandeln können, würde somit seitlich rechts und links abfließen können. Früh morgens kurz vor Fahrtantritt nimmt er die Spannbretter einfach wieder weg und alles ist gut. Kein Eis auf dem Dach.

Natürlich gibt es auch technische Lösungen. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, dass ein Luftschlauch mittig zwischen den Streben und der Plane im oberen Bereich des Aufliegers verlegt ist. Dieser ist an die Luftanlage des Lkw’s angeschlossen und kann bei Bedarf über ein Ventil mit Luft gefüllt werden. Somit hebt sich die Plane vom Dach des Aufliegers mittig etwas an und das Wasser kann auch hier seitlich rechts und links abfließen. Man muss aber auch dazu sagen, dass nicht jeder Lkw Fahrer dieses technische Hilfsmittel zur Verfügung hat. Es ist in gewisser Weise auch alles eine reine Kostenfrage. Nur wer hier spart, der spart meiner Meinung nach am absolut falschen Ende.

Aber was ist wenn der Lkw ohne technische Hilfsmittel bis unter das Dach voll beladen ist?

Dann sieht es vermeintlich eher schlecht aus im Schlachthaus, aber so ganz dann nun auch wieder nicht. Es kommt ganz darauf an wie flexibel der Lkw Fahrer ist. Er muss auf jeden Fall dafür sorgen, dass Eis erst gar nicht entstehen kann. Er könnte den Auflieger abstellen und zwar so, dass die Stützen vorn maximal ausgefahren sind und der Auflieger per Luftniveauregulierung gleichzeitig hinten komplett abgelassen ist. Der Auflieger also schräg steht und das Wasser in jedem Fall ablaufen kann. Das Ganze könnte er auch in seitlicher Neigung tun. Zum Beispiel, indem er den Lkw oder den Auflieger separat auf einer leichten Schräge parkt. Je nach dem. Auf jeden Fall irgendwie schräg, so dass das Wasser ablaufen kann und sich kein Eis bildet.

Wie man sieht, auch bei beladenen Aufliegern gibt es Lösungen. Aber auch nur dann, wenn der Lkw Fahrer wie gesagt dementsprechend vorsorgt. Ansonsten muss er nämlich eine eiskalte Entscheidung treffen.

Gefährde ich eher mein eigenes Leben oder lieber das der Anderen?

Bis hierhin handelte der Artikel im Wesentlichen von Eis,

… aber was ist mit Zentimeter hohem Schnee auf dem Dach eines Lkw’s?

Denn auch bei Schräglage schreckt die Schneeflocke an sich nicht davor zurück, einfach da liegen zu bleiben wo sie hingefallen ist. Und wenn das dann alle Schneeflocken so machen, dann erzeugt man mit seinem Lkw einen beeindruckend, aber für alle Verkehrsteilnehmer sehr gefährlichen Schneesturm auf der Autobahn.

Dazu habe ich mal mehrere Kollegen gefragt.

Was macht ihr, wenn ihr morgens keine Möglichkeiten (Gerüst, technische Hilfsmittel etc.) habt euren Auflieger von Schnee und Eis zu befreien?

Antwort:

Ja, was willste denn da machen? Auf’s Dach klettern und dir alle Knochen brechen? Da kannste nix machen. Der Lkw Fahrer ist halt immer der Gearschte.

Das mag in diversen Einzelfällen durchaus so sein, aber es löst das Problem nicht.

* * *

Und um meiner Frage die Krone aufzusetzen, will ich gern noch folgendes wissen.

Was sagst du eigentlich dem Richter vor Gericht, wenn du erklären sollst, dass durch die herunterfallenden Eisplatten von deinem Auflieger 2 Menschen anhand eines Unfalls ums Leben gekommen sind?

Die Antwort war relativ kurz.

Gute Frage.

Tja, gute Frage, mag sein, aber es löst das Problem auch nicht.

2 Gedanken zu “Vorsorgen oder eiskalt entscheiden

  1. Ich habe mal einen Getreide-Trichtersattel mit Rollplane gefahren: frühmorgens raus zu irgendeinem Landhandel, laden, zurück zur Mühle, entladen, waschen, Feierabend. Rollplane und in den Morgenstunden laden bedeutet im Winter: Leiter, Schaufel, Besen, Eisplatten kleinkloppen und vom Laster fegen. (Ohne das Dach zu besteigen natürlich — das wäre wie auch beim üblichen Edschadach-Gardinenplanensattel schon aus Stabilitätsgründen nicht möglich.)

    Bequemer wäre es sicher gewesen, das nach Sonnenaufgang im Hellen auf dem geräumigen Hof des jeweiligen Landhandels zu tun, aber es ging freilich auch morgens um 4 auf dem engen Hof der Mühle. Die Kollegen haben das zwar nicht verstanden, aber die Stunde Frühsport auf der Leiter gehörte halt irgendwie zum Tagesablauf dazu.

    Besen und Schaufel habe ich auch heutzutage im Fernverkehr dabei. Eine vier Meter lange Leiter? Bisher nicht. Aber das wäre eigentlich mal eine Idee, das zu ändern, oder?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s