Von Anfang bis Ende

Vor kurzem erhielt ich von einem Leser meines Blogs eine Email mit der Bitte, hier doch mal einen Arbeitstag von mir von Arbeitsanfang bis Arbeitsende schriftlich zu reflektieren. Das möchte ich an dieser Stelle gern tun. Wobei ich aber betonen möchte, dass bei mir nicht jeder Arbeitstag gleich verläuft. Der hier beschriebene Arbeitstag ist nur einer von vielen unterschiedlichen Tagen.

5 Uhr 45 – Nach einer 30 minütigen Fahrt komme ich in der Warenanmeldung eines Großkunden in Niedersachsen an. So wie es auf den ersten Blick ausschaut, bin ich wohl der einzige deutsche Lkw Fahrer unter den hier 30 anwesenden Warnweste und Jogginghose tragenden Fahrerkollegen. Bevor ich das Anmeldeformular ausfülle, setze ich erst einmal einen Stempel mit der Ankunftszeit auf selbiges. Nicht, dass es noch heißt, ich hätte mein 6 Uhr Zeitfenster verpasst und meine Firma hätte im Fall von langen Wartezeiten keinen Anspruch auf Standgeld.

Nun heißt es hinten anstellen und warten bis ich dran bin. Dabei fällt mir in der Schlange der penetrante Geruch auf. Einige Fahrer müssen eine Dusche wohl nur vom Hören-Sagen her kennen. Erfroren und ertrunken sind ja schon viele Menschen, erstunken ist soweit ich weiß noch keiner. Von daher, Nase zu und durch. Gott sei Dank habe ich mein Smartphone dabei. So vertreibe ich mir die Wartezeit halt mit lesen.

6 Uhr 20 – Ich bin am Abfertigungsschalter. Hier erhalte ich meinen Laufzettel und die Information, dass ich zwei Entladestellen habe und auch gleich zur ersten Entladestelle hinfahren kann. Bevor ich wieder in meinen Lkw steige, ziehe ich mir für 50 Cent noch schnell einen Kaffee aus dem Automaten. Allerdings kostet der Kaffee nicht nur 50 Cent, er schmeckt auch so.

6 Uhr 30 – Ankunft an der ersten Entladestelle. Ich gehe mit meinen Entladepapieren ins Wareneingangsbüro und melde mich an. Hier wird mir gesagt, dass ich ein Anmeldeformular ausfüllen muss, obwohl ich zuvor bereits eines in der Warenanmeldung ausgefüllt hatte. Zudem habe ich von der Warenanmeldung ein Laufzettel erhalten auf dem meine Daten bereits alle erfasst wurden. Dennoch, ich muss meine Daten nochmal eintragen. Egal, Kunde ist ja bekanntlich König. „Wir anrufen dich“, tönt es mir entgegen. Ok, also warten, ich bin ja geduldig. Lese ich halt so lange ein bisschen.

6 Uhr 45 – Mein Telefon klingelt.

Er:

Du fahren Platz 1, du verstehen?

Ich:

Ja.

Er hätte zwar auch deutsch mit mir reden können, aber ich weiß ja was er meint. Ich fahre auf Platz 1 und öffne meinen Auflieger. Der Gabelstaplerfahrer kommt und entlädt einen Teil meiner Ladung. Nach der Entladung versuche ich meinen Auflieger wieder zu verschließen. Leichter gesagt als getan, aber dazu später mehr. Jetzt gehe ich in das Wareneingangsbüro um meine Entladepapiere abzuholen. Hier frage ich noch schnell nach einer Toilette, da ich dringend mal muss.

Er:

Für Fahrer hier nix Toilette, nur für Angestellte von Firma.

Ich:

Ok, ich verstehe. Ihr wollt zwar, dass ich bei euch entlade, hier aber nicht auf die Toilette gehe, richtig?

Er:

Kannst dich bedanken bei deine Kollegen. So, hier Papiere und tschüss.

Ich verlasse wortlos das Büro, steige mit Druck in der Blase in meinen Lkw und fahre zur zweiten und letzten Entladestelle.

6 Uhr 55 – Ich betrete ein kleines Wareneingangsbüro. Es befinden sich drei Personen und ein lautes Radio in diesem Büro. Ein Sicherheitsmensch spricht mit einem Kraftfahrerkollegen und der andere Kollege telefoniert lauter als gewöhnlich mit Jemandem, der sein Gehör irgendwo liegen gelassen haben muss. Zeitgleich kommt aus dem Radio etwas, was ältere Menschen wahrscheinlich als Musik oder ähnlichem bezeichnen würden. Für mich jedenfalls ist was das da am frühen Morgen aus diesem Radioapparat kommt, eher ein Frontalangriff auf mein estetisches Gehörempfinden. Der Kollege der gerade am Telefonieren ist, ist auch mein Ansprechpartner für die Entladung. Nachdem er fertig ist schaut er mich an und fragt:

Er:

So und was kann ich für dich tun?

Ich:

Hallo, erst mal das Radio leiser oder aus und danach einmal entladen bitte.

Er:

Oh, einer der noch deutsch spricht. Super.

Ich komme mir vor, wie jemand der mit letzter Kraft um den Erhalt der deutschen Sprache in der Transport- und Logistikbranche kämpft. Nichts desto trotz, auch hier muss ich erst mal warten. Allerdings gibt es hier für Fahrer eine Toilette und die ist zu meiner Überraschung auch noch relativ sauber. Auf dem Parkplatz stehe ich jetzt vor einer elektronischen Anzeigentafel worauf ich viele osteuropäische Kennzeichen erkennen kann. Unter anderem auch mein deutsches Kennzeichen. Wenn mein Kennzeichen anstatt rot, grün aufleuchtet, dann darf ich zur Entladung in die Halle hinein fahren. Da hier aber noch viele andere Fahrzeuge mit mir gemeinsam auf Entladung warten, dauert es länger als mir lieb ist. Somit vertreibe ich mir die Zeit mit lesen. Beim Lesen und ständigem, zwischenzeitlichem Schauen auf die vor mir angebrachte elektronische Anzeigetafel komme ich mir vor wie ein Hund, der immer wieder nach oben zu seinem Herrchen schaut, auf das Signal wartend, endlich den weggeworfenen Ball holen zu dürfen.

9 Uhr – Ich bin immer noch am Lesen. In der Zwischenzeit sind mehrere Fahrzeuge, auch viele die nach mir hier angekommen sind, in die Halle zur Entladung gefahren. Da mir die Wartezeit langsam zu bunt wird und ich heute beruflich auch noch etwas vor habe, gehe ich jetzt in Richtung Wareneingangsbüro, um nachzufragen, warum ich nicht entladen werde. Kurz vor dem Wareneingangsbüro drehe ich mich gedankenversunken nochmal zur elektronischen Anzeigentafel um und siehe da, mein Kennzeichen leuchtet jetzt in grün. Ja muss man denn erst aussteigen bis hier mal was passiert? Ich gehe wieder zurück zu meinem Lkw und fahre in die Halle zu der mir zugewiesenen Entladeposition. Ich öffne den Auflieger, nehme alle Seitenbretter heraus und löse die Spanngurte. Ein Mitarbeiter kommt auf mich zu und deutet mir per Handzeichen an, dass ich mich hier auf der falschen Entladeposition befinde und ich auf die nächste Entladeposition vorfahren soll, elektronische Anzeigentafel hin oder her.

Ok, Seitenbretter wieder rein und ein Stück vorgefahren. Seitenbretter wieder raus und warten. Ein anderer Mitarbeiter kommt zu mir und möchte gern meine Entladepapiere haben, mit dem Hinweis, dass ich warten muss, da jetzt Pause ist.

Ich:

Ja kein Problem, mit warten habe ich Erfahrung. Wie lange habt ihr Pause?

„20 Minuten“, erhalte ich als Antwort. Ok, somit ist Zeit um die Seitenscheiben und die Außenspiegel für die Fahrt zum nächsten Kunden vorzubereiten.

9 Uhr 15 – Ich putze die Seitenscheiben und Außenspiegel, danach esse ich eine Kleinigkeit.

9 Uhr 45 – Die Entladung beginnt. Sie läuft langsam, aber sie läuft. Immerhin.

10 Uhr – Die Entladung ist beendet, der Lkw ist leer und ich erhalte meine Entladepapiere.

10 Uhr 02 – Ich mache mich auf den Weg zum nächsten Kunden nach Sachsen Anhalt.

11 Uhr 10 – Ankunft beim Kunden in Sachsen Anhalt. Ich melde mich im Wareneingangsbüro.

Ich:

Hallo, einmal laden für Braunschweig bitte. Hier ist meine Ladenummer.

Natürlich, wie hätte es auch anders sein können, muss ich erstmal warten. Erstens weil die Verladepapiere noch nicht vollständig gedruckt sind, zweitens sich noch andere Fahrzeuge auf dem Beladeplatz befinden und drittens, ein Teil der Ladung noch nicht ganz fertig ist. Also bedeutet das für mich, dass ich wieder mal Zeit zum Lesen habe. Ich lese aber nicht nur, sondern ich beantworte in der Zeit auch Emails und telefoniere mit einem guten Freund.

12 Uhr – Die Beladung beginnt. Der Gabelstaplerfahrer verlädt von der Seite fleißig wie eine Ameise einen Stapel Paletten nach dem Anderen. Das Dach des Aufliegers hängt etwas durch, so dass ich die Beladung des Gabelstaplerfahrers mit der Kraft meiner Arme und unter Zuhilfenahme eines Seitenbrettes etwas unterstütze, indem ich das Dach seitlich etwas anhebe. Die dreifach gestapelte Ware flutscht somit wie ein Aal auf Olivenöl auf den Auflieger.

13 Uhr – Die Beladung ist beendet. Jetzt muss ich nur noch die Ladung vernünftig sichern, den Auflieger zumachen und dann bin ich hier auch schon durch. Aber Pustekuchen, denn ein namhafter Hersteller für Auflieger setzt meinem Vorhaben mit Karacho die negative „KRONE“ auf. Dieser Auflieger ist, um das mal knapp akzeptabel auszudrücken, ein absolutes Transportbrechmittel. Das Hubdach senkt und hebt sich umständlich, es klemmt und hakt wo es nur geht. Die Portaltüren am Heck des Aufliegers schließen nicht ordentlich und an den Spannvorrichtungen der Plane kann man sich auch hervorragend die Finger brechen. Ich frage mich, ob die Konstrukteure solcher Produkte ihre Produkte selbst auch testen. Wenn Sie das, wie in diesem Fall hier, getan hätten, dann hätten sie bei normalem Sachverstand feststellen müssen, dass sie uns Berufskraftfahrern mit diesem Auflieger das Arbeitsleben nur noch schwerer gemacht haben, als es zu erleichtern. Wie kann man auf 13 m 60 nur so viel Inkompetenz auf einmal verbauen? Also quäle ich mich mit diesem Stück Transportschrott unfreiwillig noch eine Weile herum und gehe anschließend entnervt in das Versandbüro um meine Verladepapiere zu unterschreiben.

13 Uhr 25 – Ich stehe im Versandbüro und unterschreibe für jede Palette die ich geladen habe jeweils einen Frachtbrief. So kann man seine Zeit als Lkw Fahrer auch herum bekommen.

13 Uhr 35 – Alle Papiere sind unterschrieben. Bevor ich losfahre gehe ich noch schnell auf die Toilette. Im Gegensatz zu anderen Kunden, darf man hier als Fahrer noch seine Notdurft verrichten. Die Toilette befindet sich in der Produktionshalle. Als ich diese betrete fällt mir die übel riechende, stickige Luft auf. Das Atmen fällt mir schwer. Meine Herren, dass sich Menschen für einen Mindestlohn so etwas den ganzen Tag antun. Aber gut, die Pharmaindustrie will ja schließlich auch leben.

13 Uhr 40 – Ich mache mich jetzt auf den Weg nach Braunschweig zum Hof, wie wir Spediteure liebevoll unsere jeweilige Firma nennen.

15 Uhr 10 – Ankunft in Braunschweig auf dem Hof. Ich gehe in das Abfertigungsbüro und melde mich an zur Entladung. Hier erfahre ich, dass es noch etwas dauern kann und ich bis dahin noch etwas warten muss. Da ich mich als Lkw Fahrer mit warten bestens auskenne, ist das für mich auch dieses mal kein Problem.

15 Uhr 40 – Ich darf zur Entladung fahren. Einmal noch mit diesem Transportschrott von Auflieger herumquälen und dann haben wir es für heute geschafft.

16 Uhr 10 – Mein Lkw ist vollständig entladen.  Ich setze mich hinter das Steuer meines Lkw´s , stelle den leeren Auflieger auf dem dafür vorgesehenem Platz ab und verabschiede mich um 16 Uhr 15 in meinen wohlverdienten Feierabend.

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