Erst mal eine Mischung

Den ganzen Arbeitstag in einem großen Werk Sammelgut auszufahren, ist eine der Aufgaben, welche nicht unbedingt zu meinen Favoriten gehören. Nichts desto trotz gehört sie dazu und so pragmatisch veranlagt wie ich nun mal bin, mache ich eben das Beste daraus und liefere ein Sammelgutstück nach dem Anderen pflichtbewusst aus.

5 Entladestellen habe ich bereits hinter und noch 3 vor mir. An der 6. Entladestelle befinde ich mich aktuell. Hier müssen nur 6 Gitterboxen abgeladen werden. Das hieße für den Gabelstaplerfahrer nur einmal reinfahren, ansetzen, runterheben, hinstellen, fertig. Eigentlich nix großartig Anstrengendes.

Nach ca. 15 Minuten Wartezeit kommt eine Gabelstaplerfahrerin ganz gemütlich und ohne Eile an meinen Lkw heran gefahren. Sie steigt aus ihrem Arbeitsgerät aus, aber so angestrengt, dass man glauben könnte, sie hätte einen Bandscheibenvorfall oder ähnliches. Zu meinem Erstaunen hat sie aber weder das Eine, noch das Andere.

Ich:

Oh hallo, na alles in Ordnung? Das sieht aber nicht so gut aus. Was ist passiert?

Die Gabelstaplerfahrerin:

Alter, was für ein Stress. Wenn ich nachher nach Hause komme, dann mache ich mir erst mal eine Mischung.

Ich denke so im Stillen, Mischung? Stress? Hier?… doch nix mit dem Rücken? Hinzu kommt, dass die Gabelstaplerfahrerin in 40 Minuten Feierabend hat. Aber nicht in 40 Minuten zu 16 oder 17 Uhr hin, nein nein, zu 14 Uhr hin. Hätte ich um diese Uhrzeit Feierabend, dann hätte ich das Gefühl, dass ich einen freien Tag habe.

Ich:

Stress? Wieso, habt ihr so viel zu tun?

Die Gabelstaplerfahrerin:

Alter Schwede, ich habe heute (Arbeitszeit 6 – 14 Uhr) schon drei LKW’s entladen. Ich kann nicht mehr und jetzt kommst du noch zum Feierabend.

Meine Fresse, 3! Lkw’s in immerhin siebeneinhalb Stunden. Wahnsinn. Ich würde mich ja wirklich vor so viel Arbeitseinsatz und Tatendrang tief verneigen, aber leider komme ich nicht so weit hinunter.

Ich:

Aber bei mir brauchst du doch nur einmal reinfahren und ab dafür. Meinst du nicht, dass du das in 40 Minuten bis zu deinem Feierabend noch hin bekommst? Aber gut, das musst du auch nicht, es kommt ja eh gleich die Spätschicht und körperlich überfordern möchte ich dich ja auch nicht. Nicht, dass du noch ganz ausfällst.

Die Gabelstaplerfahrerin:

Eben und deswegen gibt es nachher gleich erst mal ’ne ordentliche Mischung.

Stimmt, da war ja noch was.

Ich:

Mischung? Was meinst du damit? Willst du dir Beton für den Garten anmischen? Baust du dir gerade eine Terrasse oder willst du eine Mauer hochziehen? Ich meine, genug Zeit dafür hättest du ja.

Die Gabelstaplerfahrerin:

Ach Quatsch. Ne Mischung. Wiskhy – Cola, mit ’nem Schuss Rum. Nach solchen Tagen wie heute brauche ich das einfach. Machst du das etwa nicht? Du hast ja wohl noch mehr Stress als ich.

Ich:

Wenn ich deine persönliche Wertevorstellung von Arbeit an meine berufliche Tätigkeit ansetzen würde, dann müsste ich viel mehr einen Tanklastzug von Jägermeister fahren, mit Standleitung vom Auflieger direkt ins Fahrerhaus. Das wäre sonst für mich überhaupt nicht auszuhalten. Und da ich ja weitaus länger arbeiten muss als du und ich während der Fahrt keinen Tropfen Alkohol, geschweige denn eine Mischung, trinken darf, kannst du dir ja vorstellen, wie ich den ganzen Tag zu leiden hätte, ne.

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, muss meine Antwort auf die Gabelstaplerfahrerin einen leicht verstörerischen Einfluss gehabt haben. Denn sie setzt sich jetzt, ohne ein weiteres Wort zu sagen, wieder in ihren Gabelstaplerfahrer, fährt damit zu meinem Lkw und lädt mit letzter Kraft die 6 Gitterboxen ab. Ich bedanke mich freundlich und wünsche ihr einen schönen Feierabend. Vor allem auch in der Hoffnung, dass sie es noch bis nach Hause schafft, um dann endlich ihre wohl verdiente Mischung genießen zu können.

2 Gedanken zu “Erst mal eine Mischung

  1. der Hammer…..
    Ich dachte erst das die eine Kräutermischung meint…
    Bekommst du da nicht Angst um deine Auflieger wenn du das Hörst ?

    Gefällt mir

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